Classic Data Magazin

Zur Webseite von Belmot
Bericht

Vor 80 Jahren - 1937

03/27/2017

Einführung des Einheitskanisters

Manchmal sind es gerade die kleinen Dinge, die eine große Wirkung haben können. Im Rückblick auf den zweiten Weltkrieg wird gerne darüber diskutiert, welches Land die bessere technische Ausrüstung hatte. Flugzeuge, Panzer oder Schlachtschiffe werden aufgrund ihrer technischen Daten haargenau miteinander verglichen. Allen gemein ist aber, sie alle funktionieren nicht ohne eine sichergestellte Kraftstoffversorgung.

 Der 1936 entwickelte 20-Liter-Wehrmachts-Einheitskanister war ein ausgefeiltes Ingenieurs-Stück. Erdacht und gebaut von der Firma Eisenwerk Müller & Co. in Schwelm, Westfalen, bestand der Kanister aus zwei gepressten Stahlblechen mit Verstärkungssicken, die miteinander verschweißt wurden. So wiederstand er dem härtesten Aufprall, schwamm auch gefüllt auf Wasser, lies sich schnell befüllen und entleeren (übrigens ohne Trichter), war stapelbar, ließ sich aufgrund seiner drei Griffe in einer Gruppe weiterreichen bzw. ein Mann konnte zwei volle oder vier leere Kanister tragen. Zwischen 1939 und 1945 wurde der Einheitskanister von insgesamt 19 Herstellern für die Wehrmacht produziert. Der Kanister sorgte für eine sehr gute Effizienz in der Treibstoffversorgung und bescherte der deutschen Armee einen entscheidenden Vorteil.

Die Alliierten waren da schlechter vorbereitet. Die Briten verfügten über zwei Kanistertypen. Einen für zwei Galonen und einer für vier Galonen. Beide Modelle waren unhandlich, häufig undicht und die Konstruktion so fragil, dass, stapelte man die Kanister übereinander, die oberen die unteren zerdrückten. Im englischen Sprachgebrauch wurden sie deshalb auch als „the flimsy“ – „die Dünnen“ bezeichnet. Der Unterschied, zwischen effizienter Treibstoffversorgung und nicht effizienter fiel den Briten zum ersten Mal während des Norwegen-Feldzuges gegen die Deutschen im Juni 1940 auf.

Zeitgleich hatte eine gewisser Paul Pleiss (ein amerikanischer Offizier) seinen Dienst in London angetreten. Er hat bis 1939 in Deutschland gearbeitet. Als sein Vertrag endete (kurz vor Kriegsbeginn), beschloss er mit einem deutschen Freund, einen Trip nach Indien zu machen. Für Wasser-und Benzinvorräte besorgte dieser Freund drei Einheitskanister, die zu der Zeit noch zentral in Berlin-Tempelhof eingelagert waren. Als der Krieg ausbrach, flog Pleiss von Kalkutta nach Philadelphia, um seinen  Militärdienst anzutreten, den Wagen ließ er später nach New York verschiffen. Nach der Niederlage der Briten in Norwegen, liess Pleiss einen seiner Kanister aus New York zu sich nach London schicken. Er überzeugte das britische Kriegsministerium, die Form zu übernehmen. Zeitgleich begann auch  in den USA die Produktion des Kanisters in leicht überarbeiteter Form.  Bei der Pressed Steel Company Ltd works in Cowley entstanden nun britische Einheitskanister, fortan „Jerrycan“ genannt („Jerry“ war der brit. Spitzname für einen deutschen Soldaten). Anfänglich lief die Produktion jedoch schleppend. Die Kanisterhälften wurden per Hand autogen geschweißt, was dazu führte, dass pro Kanister 15-20 Minuten benötigt wurden.

Indes ging der Krieg weiter. In Nordafrika musste die britische 8. Arme immer noch mit den „flimsies“ hantieren. Leckagen und Verdunstung durch die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht führten zu einem Treibstoffverlust von 30-40%. Erst ab Ende 1942 erhöhte sich die Produktion der Jerrycans und so standen zur finalen Schlacht in El-Alamein mehr als 2 Millionen Kanister zu Verfügung. Mit der Landung der Briten und der Amerikaner 1944 in der Normandie gelangten dann auch Millionen amerikanische Kanister an die europäischen Kriegsschauplätze und sicherten so den Vormarsch der Alliierten. Sogar Präsident Roosevelt notierte: „Ohne diese Kanister wäre unserer Armee eine Durchquerung Frankreichs nie möglich gewesen.“ Auch heute noch wird der Einheitskanister in unveränderter Form für alle Zwecke gebaut. In den Armeen aller NATO-Staaten ist er nach wie vor das Standardbehältnis für Kraftstoff.